Das stille Schrumpfen
Weitblick Partner · Geschäftsentwicklung · Mai 2026 · 3 Min. Lesezeit
Im Jahr 2025 haben rund 23.900 Unternehmen in Deutschland Insolvenz angemeldet, der höchste Stand seit zehn Jahren. Was diese Zahl nicht zeigt: Die meisten dieser Unternehmen waren bis kurz vorher noch profitabel. Sie hatten Kunden, Mitarbeiter, Aufträge. Was sie nicht hatten, war jemanden, der früh genug gefragt hat: Trägt dieses Modell noch?
Das ist kein Schicksalsschlag. Das ist ein vermeidbares Muster.
Was Stagnation wirklich bedeutet
Seit Herbst 2023 tritt das Geschäftsklima des NRW-Handwerks auf der Stelle – bei 200.000 Betrieben und 1,1 Millionen Beschäftigten. Rückläufige Umsätze, schwache Auftragseingange, keine Dynamik in Sicht. Das Bild, das der Präsident von HANDWERK.NRW dafür gefunden hat, ist präziser als jede Statistik: Das Handwerk fährt mit angezogener Handbremse.
Das Problem dabei: Wer mit angezogener Handbremse fährt, merkt es oft nicht sofort. Die Bewegung ist noch da. Das Ziel scheint erreichbar. Nur die Geschwindigkeit stimmt nicht mehr.
Dasselbe gilt für viele Unternehmen im Handel und im produzierenden Gewerbe. Der Umsatz auf dem Papier bleibt gleich oder wächst sogar leicht. Aber preisbereinigt liegt der Mittelstandsumsatz laut KfW-Mittelstandspanel 2025 real bei minus einem Prozent. Im Dezember 2024 meldete das NRW-Handwerk sogar ein nominales Umsatzminus von 6,6 Prozent. Wer seinen Umsatz seit drei Jahren nur nominal wachsen sieht, ist real geschrumpft. Die Zahl auf dem Kontoauszug lügt.
Der Creditreform-Geschäftsklimaindex für den Mittelstand fiel im Frühjahr 2025 um weitere 2,9 Punkte – ein Signal, das im Tagesgeschäft leicht übersehen wird, aber die Richtung klar anzeigt.
Das eigentliche Problem ist nicht der Markt
Energiekosten, Fachkräftemangel, Bürokratie, das sind reale Belastungen. Aber sie erklären nicht alles. 71 % der KMUs agieren ohne ausgearbeitete Digitalisierungsstrategie. Laut Creditreform Mittelstandsreport Frühjahr 2025 melden 31 % der befragten Mittelständler Umsatzrückgänge, 20,2 % bauen Personal ab.
Das ist der entscheidende Befund. Nicht der Markt gefährdet Unternehmen. Inaktivität gefährdet Unternehmen.
Und Inaktivität entsteht nicht aus Gleichgültigkeit. Sie entsteht aus Gewohnheit. Was zehn Jahre lang funktioniert hat, fühlt sich richtig an. Routinen, die einmal Stärken waren, werden zu blinden Flecken.
Drei Signale, die ernst genommen werden müssen
Es gibt Fragen, die Unternehmer sich selten stellen, weil die Antwort unbequem sein könnte.
Verlieren Sie Kunden, ohne zu wissen warum? Wenn Stammkunden seltener kommen oder zur Konkurrenz wechseln, ohne dass Sie einen konkreten Grund benennen können, ist das kein Vertriebsproblem. Es ist ein Positionierungsproblem. Ihr Angebot passt nicht mehr zu dem, was der Markt heute braucht.
Wächst Ihr Aufwand schneller als Ihr Ertrag? Früher reichten dieselben Ressourcen für mehr Ergebnis. Wenn das nicht mehr so ist, haben Prozesse und Strukturen nicht mit dem Unternehmen mitgewachsen. Das ist kein Effizienzmangel. Das ist ein strukturelles Signal.
Wer in Ihrem Unternehmen darf Ihnen sagen, dass das Modell nicht mehr funktioniert? Das ist die schärfste Frage. Wer sie mit „niemand“ beantworten muss, hat kein Strategieproblem. Er hat ein Führungsproblem.
Was jetzt zu tun ist
Kein großer Wurf. Keine Transformation auf einen Schlag. Drei konkrete Schritte.
Ehrliche Bestandsaufnahme. Nicht die, die das Unternehmen gut aussehen lässt. Welche Kunden sind in den letzten drei Jahren weggefallen? Welche Leistungen machen heute noch Marge und welche nicht mehr? Wo wird intern am meisten Energie verbraucht, ohne erkennbaren Ertrag?
Kundenperspektive einnehmen. Was kaufen Ihre Kunden wirklich und warum? Nicht was Sie glauben, dass sie kaufen. Das lässt sich nur durch direkte Gespräche herausfinden. Nicht durch Annahmen.
Eine Stellschraube finden, nicht alle. Das größte Missverständnis bei der Geschäftsmodellentwicklung ist, dass man alles auf einmal verändern muss. Meistens reicht es, den einen Hebel zu finden, der alles andere in Bewegung bringt. Aber dieser Schritt muss der richtige sein.
Ein Geschäftsmodell, das lange getragen hat, verdient Respekt. Keine Nostalgie.
Die Insolvenzschäden belaufen sich 2025 auf rund 57 Milliarden Euro (Creditreform). Hinter dieser Zahl stehen keine schlechten Unternehmer. Sondern Menschen, die zu lange gewartet haben, bis der Handlungsspielraum verschwunden war.
Wer jetzt schaut, hat Optionen. Wer wartet, bis es offensichtlich ist, hat meistens nur noch eine.
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Quellen: Creditreform, Insolvenzen in Deutschland 2025 · Creditreform Mittelstandsreport Frühjahr 2025 · IWH-Insolvenztrend 2025, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle · KfW-Mittelstandspanel 2025 · HANDWERK.NRW, Jahrespressekonferenz Januar 2026 · IfM Bonn 2026 · Christoph Niering, VID – Verband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (Aktualisiert April 2026)